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Rock Am Ring 2005 - Sonntag - 05. Juni 2005
Die Bilder vom 3. Tag seht ihr hier.

Den Bericht vom Tag 1 / Freitag findet ihr hier
Den Bericht vom Tag 2 / Samstag findet ihr hier

(v.l.) Dr. Walter Kafitz, Marek Lieberberg
Pressekonferenz

Mein dritter „Rock am Ring“-Tag beginnt mit der alljährlichen Pressekonferenz, traditionell am Sonntag Nachmittag um 15 Uhr. Wie immer hat Veranstalter Marek Lieberberg, dem die „Bild am Sonntag“ an diesem Tag ein doppelseitiges Interview widmet, Nürburgring-Geschäftsführer Dr. Walter Kafitz sowie den Chef der dortigen Polizeikräfte und weitere Mitwirkende auf dem Podium des Pressezentrums versammelt, um sich den Fragen der versammelten Journaille zu stellen. Seitens der Ordnungshüter wird eine überaus positive, friedliche Bilanz gezogen. Die heutige Jugend sei laut dem Polizeichef, dass müsse einmal gesagt werden, durchaus friedfertiger und vernünftiger als in den Medien immer dargestellt. Zitat: „Wir hatten bis heute morgen zwei Besucher in der Ausnüchterungszelle. Zwei von über 70.000!“ Weitere Zahlen lieferte ein Partner des Veranstalters gleich hinterher: Beim diesjährigen „Rock am Ring“ seien 300 Duschen und Wasser-WCs, 600 Dixies, 100 Wasserstellen sowie 600 Sicherheitskräfte für die Camper und das Publikum im Einsatz gewesen.
Doch nach den offiziellen Zahlen und Nachrichten wird die Veranstaltung zusehends unterhaltsamer. Der sonst auf Pressekonferenzen nicht gerade für große Schenkelklopfer bekannte Marek Lieberberg hat an diesem Tag offensichtlich beste Laune und beantwortet süffisant und mit mehr als einer Anekdote die Fragen der schreibenden Zunft. Man erfährt unter anderem, dass Lieberberg, angesprochen auf seine abendliche Gastsängerrolle beim „Jubiläumsheadliner“, bis zum Alter von 40 als „Mike Lee“ mit seiner Band „The Sound of the Echoes“ auf der Bühne stand. Der Veranstalter erzählt außerdem gutgelaunt, wie er einmal Madonna den Beipackzettel eines gynäkologischen Arzneimittels zu übersetzen versuchte, und das er die Band „Towers of London“ am Ring-Samstag wegen derbem Rockstar-Gehabe persönlich vom Backstagebereich in das historische Fahrerlager des Rings verbannt habe. Lieberberg plaudert darüber, wie er sich mit seinem Kumpel Kafitz zu „Mötley Crüe“ gesellt habe, um sich und seinem Freund zu beweisen, das sie im Alter doch noch ganz gut aussehen würden, und dass sein Sohn André eigentlich für das Programm des Rings zuständig sei, während er und der Rest des Teams lieber Skat spielten. Doch ab und an springt Lieberberg der Schalk wieder aus dem Nacken und er liefert harte Fakten für das kommende Jahr.
Für „Rock am Ring“ 2006 habe er seine Freunde von „Depeche Mode“ schon so gut wie unter Vertrag. Weiter lässt er „Linkin Park“ und „System of a Down“ als Kandidaten durchsickern. Und die wahre Katze lässt der „Rock am Ring“-Chef nebenbei, fast in einem Nebensatz, aus dem Sack: Im nächsten Jahr sei der angestrebte Termin wieder das erste Juniwochenende, was auf das früher traditionelle Pfingst-Termin fallen würde. „Und weil dann ein langes Wochenende ist“, resümiert Lieberberg, „denken wir bereits jetzt über ein Vier-Tage-Festival nach“.
Nach weiteren Anekdoten und viel Gossip,beendet Lieberberg das Pressegespräch rechtzeitig, so dass noch Gelegenheit ist, Mudvayne auf der Center Stage begutachten zu können.


Mudvayne
Mudvayne

„Was ist das denn?“ fragt ein entsetzt blickender Foto-Kollege, als Sänger Chad Gray und seine Mannen kompromisslos wie immer loslegen. Der Bass wummert derart, dass der Bühnenboden vibriert und man den Anschein hat, leicht zu hüpfen. Mudvayne auf der Center Stage – geht das gut? Es geht, in nur wenigen Sekunden sind die ersten Pits im Publikum entstanden und der Sound ist amtlich. Bassist Ryan Martinie springt wie ein Derwisch von links nach rechts über die gesamte Bühnenbreite ohne sich hörbar zu verzocken und Chad hat sichtlich Spaß auf der großen Bühne. Es setzt sogar ein paar weniger „Fuck´s“ in seinen Ansprachen als sonst. Von Anfang bis Ende spielt die Band eine gute Mixtur aus allen drei Alben, lässt natürlich auch die Hits nicht aus und schließt mit „Dig“ ab.






Website Mudvayne


Billy Idol
Billy Idol

Ich habe das Wetter noch gar nicht erwähnt ;-) Es ist tatsächlich noch kälter geworden, die Wolkendecke lässt keinen einzigen Sonnenstrahl durch und der Wind pfeift zugig daher, als Altpunk Idol auf die Center stürmt. Soviel Elan hat man dem 50jährigen gar nicht mehr zugetraut. Und auch von Nahem betrachtet sieht er noch fast exakt so aus, wie zu seinen besten 80er Zeiten. Warum genau sein Comeback nötig wurde, sei dahingestellt (Geldmangel oder einfach aus Spaß an der Freude) – er hat´s jedenfalls noch drauf. Gleich als zweites und drittes Stück setzt es alte Hits („Dancing with myself“, „Flesh for Fantasy“) und der gute Mann macht sich einen Spaß aus sich selbst, schneidet lustige Grimassen, zieht klassisch seine Oberlippe hoch und betreibt alberne Wurfspielchen mit dem Mikro. Dennoch – das Publikum weiß nicht wirklich, was es mit Idol anfangen soll. Bisher aus meiner Sicht der Schnarcher des Festivals. Wobei „Rebel Yell“ als Abschluß natürlich grandios ankam.




Website Billy Idol


HIM: Ville vallo singe´ ode´ rauche´ ?
HIM

Die kettenrauchende Jägermeister - Vernichtungs - Maschine Ville Vallo und seine Mannen scheinen heiß erwartet zu werden. Viele HIM-Anhänger tummeln sich vor der Center und fordern lautstark das Erscheinen der Finnen. Die Wartezeit in der Umbaupause wird der Menge mit einer Prise „Nur die Liebe zählt“ versüßt. Die beiden unsäglichen Moderatoren des Tages (ich glaube die waren von RPR 1) schleppen einen sichtlich aufgeregten jungen Mann auf die Bühne, der plötzlich niederkniet und seiner Angebeteten vor versammelter Mannschaft einen Heiratsantrag macht. Die Auserwählte wird flugs von der Security aus dem Publikum gezogen und es folgen Tränen, Küsse und eine Ringübergabe vor zehntausenden Menschen. Schön, sowas. Die üblichen Schultersitzerinnen, die trotz der niedrigen Temperaturen für die Kameras strippen, runden die Wartezeit unterhaltsam und für alle auf den Videoleinwänden sichtbar ab. Schon komisch – in diesem Jahr nimmt die Brust-Show am Ring ungeahnte Ausmaße an.
Schließlich betreten die Finnen das Geschehen und legen routiniert los. Natürlich raucht Vallo in den ersten drei Stücken zwei Kippen und auch die Jägermeisterflasche wartet brav am Schlagzeug auf ihren Einsatz. Viel Bewegung oder Show ist nicht auszumachen, der kajalbemalte Hardrocker (heute mit leichter Haartolle) konzentriert sich lieber aufs Singen. Dennoch werden HIM abgefeiert und man kann musikalisch nicht meckern – Alle Hits professionell durchgespielt und gut ist. Ein Gig ohne Schnörkel, aber auch ohne Kanten.


Rockten heftig – Velvet Revolver
Velvet Revolver

Schon bei HIM waren die ersten Slash-Banner in der Menge auszumachen und ich persönlich hätte nicht erwartet, dass das Ex-„Guns´n´Roses“ und Ex-„Stone Temple Pilots“- Konglomerat am Ring so heiß erwartet werden würde. Während ein überlebensgroßes, beleuchtetes Bandlogo als Bühnenhintergrund hochgezogen wird, nimmt wieder das spaßige Brust-Strippen seinen Lauf. Und so langsam könnte man eine Extra-Veranstaltung daraus machen, denn so was habe ich auch nach einigen Jahren Festivals noch nicht erlebt. Die Damenwelt im Publikum scheint sich gegenseitig anzustacheln und plötzlich kommen die männlichen Begleiter mit dem Hochheben der Zeigewilligen kaum mehr nach. An jeder Ecke im Publikum wird blank gezogen. Das steigert sich plötzlich, als auch einmal ein Kerl auf die Idee kommt, Haut zeigen zu können. Plötzlich stehen (!) auf Händen getragen überall Typen „auf“ dem Publikum und schwingen ihr bestes Stück im Kreis oder zeigen Hintern. Die holde Weiblichkeit kontert geschickt mit zahlreichen knutschenden „besten Freundinnen“ („Jetzt, die Kamera hat uns – Zunge raus!“) Das lassen sich die Männer aber nicht zweimal sagen und es dauert nur Minuten, bis die ersten knutschenden Kerle sich auf den Schultern ihrer Kumpels über der Menge zeigen. Ein Spaß für jung du alt, der die Umpause vergessen lässt. Wer jetzt aber dachte, die gerade im Publikum gesehenen Lachnummern könnten von Velvet Revolver nicht mehr getoppt werden, hatte sich getäuscht.
„Rock“ beschreibt einfach und treffend, was sich dort in der nächsten guten Stunde abspielen sollte. Die komplette Band, den Schlagzeuger naturgemäß ausgenommen, bewegt sich ständig über die Bühne, die Fotobühne und die Seiten. Slash ist quasi permanent im Trab befindlich und hetzt spielenderweise von links nach rechts, stoppt hie und da für ein Solo und rockt die Menge im wahrsten Sinne des Wortes fast hautnah. So hautnah, dass auch ich und einige Fotokollegen ein wenig Angst bekommen, wenn der Herr Rocker sich wieder einmal unter uns begibt. Denn wo ihm etwas im Weg steht, da wird auch gerne schon mal ausgetreten oder böse geguckt. Sänger Scott Weiland hingegen schlängelt sich einfach handzahm durch die Fotografen durch und sucht ebenfalls immer wieder Publikumsnähe. Fast das gesamte erste Album wird zu Gehör gebracht und auch die ein oder andere Covernummer bzw. Songs der vorherigen Schaffensperiode der Bandmitglieder fehlen nicht. Die Samtrevolver lassen kein Auge trocken und zählen für mich zu den Gewinnern des Festivals.


„Ihr seid so viele!“ Judith von den Helden
Wir sind Helden

Wollen wir die „Sind die Helden ein würdiger Ersatz für einen abgesagten Headliner“ - Diskussion nicht überstrapazieren: Sie sind nun einmal auf dieser Position gesetzt und die Frage ist, ob dass gut gehen kann. Und tatsächlich – die sympathischen Berliner haben den Ring von der ersten Minute an im Griff. Sängerin Judith Holofernes überzeugt mit ihren gewohnt entwaffnenden Ansagen auch die letzten Helden-Hasser im Festivalrund („Mann, ihr seid so verdammt viele! Hoffentlich habt ihr Spaß, ich amüsiere mich jetzt schon wie Bolle!“) Aber man merkt den heimischen Top-Stars, die sicherlich noch nie vor einer solchen Kulisse auftreten konnten, die Nervosität nur leicht an. Spätestens beim üblichen „Denkmal“-Mitsingspiel für das Publikum ist jedes Eis gebrochen.





Erhielten Ring-Ehrenbürgerschaft
Der „Überraschungsheadliner“

Die Toten Hosen. Überraschung! Es waren tatsächlich die Hosen, die Veranstalter Marek Lieberberg aus dem Band-Sack zauberte, um als Abschluss seines Jubiläums-Festivals (20 Jahre „Rock am Ring“) noch einmal Gas zu geben. Wirklich medial spruchreif wurde die Entscheidung erst am Sonntag Nachmittag, jedoch kursierten bereits seit Tagen ernstzunehmende Gerüchte, dass die Düsseldorfer mal wieder zu Gast am Nürburgring sein würden. So waren auch die zwei, drei „Hosen“-Flaggen im Publikum nicht mehr erstaunlich. Lieberberg höchstselbst kündigte die Hosen in einer kurzen Rede an und als geschätzte 50.000 restverbliebene Ringkehlen gemeinsam „Happy Birthday“ anstimmen, kommt Gänsehaut-Feeling auf. Lieberberg huldigt den Deutsch-Punkern in seiner Ansage mit einer Aufzählung all ihrer Ringauftritte und verleiht ihnen die Ehrenbürgerschaft von „Rock am Ring“, bevor Campino & Co. loslegen. Das tut die Band gewohnt gut, reißt die sich in Endzeitstimmung (weil letzte Band) befindliche Menge auch sofort mit und brettert ein einstündiges Set herunter, an dessen Ende nach einer guten Stunde das große Abschlussfeuerwerk steht.
Randnotiz: Der Bühnenboden war komplett mit Teppich ausgelegt, vor dem Hosen-Gig hatte es, wieder einmal, gegossen. Wer nun noch weiß, dass Campino bei seinem 2001er RaR-Gig gleich in der ersten Minute auf nassem Bühnenboden ausrutschte und sich einen Bänderriss einfing, kann die Teppich-Nummer richtig deuten.
Das große Höhenfeuerwerks-Abschlussgefackel zu den Klängen von Depeche Mode sowie den vorherigen Auftritt von Hosen-Gastsänger Marek Lieberberg bekomme ich schon nicht mehr mit, da ein stau- und stressfreier Heimweg einfach verlockender schien.

Was bleibt vom 20. „Rock am Ring“? Ein bis auf Freitag Nachmittag absolut bescheidenes Wetter. Verdammt viele, gute Bands ohne jedoch den absoluten Super-Headliner auf dem Billing zu haben. Volles Haus und durchaus friedfertige Fans. Musikalisch für jeden Geschmack zutreffend und auch noch nach 20 Jahren zu Recht das größte und bekannteste Festival Deutschlands.

Fotos: Alexander Kuffner
Autor: Alexander Kuffner